Spiel des Jahres 2026 — die Nominierungen vor der Ankündigung am 14. Juli
Acht Wochen vor der Jury-Bekanntgabe schauen wir auf die heißesten Kandidaten — und auf das, was sich in der Tonalität der Stiftung 2026 verschoben hat.
Es ist die Runde, in der die Foren überhitzen. Mitte Mai, zwei Monate vor der Bekanntgabe am 14. Juli 2026, beginnen die Vorhersage-Threads auf Boardgamegeek (Subreddit SdJ-Watch, aktuell knapp 14.000 Mitglieder), in der Brettspielwelt-Community und im SdJ-Channel von Boardgamearena. Diese Woche haben sich drei klare Tendenzen herausgebildet, die wir uns in dieser Ausgabe der Runde № 22 vornehmen.
Die Stiftung Spiel des Jahres vergibt jedes Jahr Mitte Juli die Nominierungen in drei Kategorien: drei Spiele für das Spiel des Jahres (SdJ), drei für das Kennerspiel des Jahres (KSdJ) und drei für das Kinderspiel des Jahres. Die Auszeichnung selbst folgt rund vier Wochen später, dieses Jahr am 17. August. Eine SdJ-Auszeichnung gilt in der Branche als der einzige Preis, der eine Auflage tatsächlich physisch durchdrückt — Verlage berichten konsistent von einer Verdrei- bis Verfünffachung des Print-Runs im ersten Halbjahr nach der Bekanntgabe.
Drei plausible SdJ-Kandidaten
Für die Haupt-Kategorie SdJ — Zielgruppe Familie, BGG-Weight zwischen 1,5 und 2,5, Spielzeit 30 bis 60 Minuten — kristallisieren sich in der aktuellen Runde drei Titel heraus, die auf jeder ernstzunehmenden Liste auftauchen.
Vinhos Lite (Pegasus Spiele, Designer: Vital Lacerda in seiner Light-Edition-Reihe, 2–4 Spieler, 45–60 min, BGG-Weight 2,3). Lacerda hat zum ersten Mal versucht, sein Heavy-Vokabular auf Familien-Tiefe zu komprimieren. Das Ergebnis ist ein Worker-Placement-Spiel mit drei Aktions-Räumen statt der üblichen zwölf, mit klarer Iconographie und einer Spielzeit, die das Tableau-Management auf einen einzigen Lese-Durchgang reduziert. Die Jury soll laut Brettspielwelt-Forum positiv reagiert haben — vor allem auf die konsequente Reduktion ohne Mechanik-Verlust.
Cascadia: Rivers and Roads (Flatout Games, Designer: Randy Flynn, 1–4 Spieler, 30–45 min, BGG-Weight 1,9). Die Erweiterung der 2022er-Auszeichnungs-Familie nimmt das Tile-Placement-Prinzip und ergänzt zwei neue Geländetypen sowie einen leichten Routen-Mechanismus. Die Stiftung hat in den letzten drei Jahren wiederholt Erweiterungen in die Nominierungs-Diskussion einbezogen, wenn sie das Grundspiel substantiell verändern.
Faro Lighthouse (Schmidt Spiele, Designer: Stefan Feld in seiner Pocket-Reihe, 2–4 Spieler, 40–50 min, BGG-Weight 2,4). Feld in der Kurzversion: Würfel-Setzen mit zwei statt fünf Aktionsspalten, kombiniert mit einer Leuchtturm-Sichtbarkeits-Mechanik. Schmidt setzt damit eine bewusste Strategie um — der Verlag hat seit 2024 versucht, Heavy-Designer in die Familien-Tiefe zu holen.
Drei KSdJ-Kandidaten — die Brücken-Spiele
Das Kennerspiel des Jahres zielt auf BGG-Weight 2,5 bis 3,5 und auf Spieler:innen, die bereits Familien-Eurogames hinter sich haben. Aktuell drei Favoriten:
Andromeda’s Edge (Luma Imports, 1–5 Spieler, 90–120 min, BGG-Weight 3,2). Asynchrone Engine-Building-Mechanik mit Kampf-Komponente. Die Jury hatte in den letzten zwei Jahren Mühe, Kampf-Spiele zu nominieren — die KSdJ-Jurorin Manuela Müller hat in einem Podcast diese Woche allerdings angedeutet, dass die Tonalität sich verschoben hat, wenn der Konflikt nicht eliminations-basiert ist.
Brass: Lyon (Roxley Games, Designer: Wallace/Sun, 2–4 Spieler, 100–140 min, BGG-Weight 3,4). Die dritte Stadt im Brass-Universum. KSdJ-Tauglichkeit umstritten — manche Foren-Kommentatoren sagen, das Spiel liege bereits zu nah am Heavy-Bereich. Andere argumentieren, dass die strenge Ikonographie und der klare Aktions-Raum genau den Kennerspiel-Kern treffen.
Faiyum (Capstone Games, Designer: Friedemann Friese, 1–4 Spieler, 60–90 min, BGG-Weight 3,0). Eine Reaktivierung in der aktuellen deutschen Edition mit überarbeiteter Iconographie. Friese ist ein Jury-Liebling — Funkenschlag gewann 2004 das Deutsche Spielepreis-Top-Ranking.
Drei Kinderspiel-Kandidaten
Für das Kinderspiel des Jahres (Zielgruppe 4–8 Jahre) gelten als Favoriten in der aktuellen Runde: Schwarmflug (HABA), Echo-Tal (Amigo) und Hipp Hopp Holzwurm (Drei Magier). Alle drei kombinieren physisches Spielmaterial mit einfachen Setz-Mechaniken — der traditionelle Bereich, in dem die Stiftung seit der Einführung der Kategorie 2001 konsistent unterwegs ist.
Was sich 2025–2026 in der Jury-Tonalität verändert hat
Drei Veränderungen sind in den Begründungs-Texten der letzten zwei Jahre messbar:
Erstens: Solo-Modi werden als Plus angerechnet. Bis 2023 spielte die Solo-Tauglichkeit in den Jury-Begründungen keine Rolle. Seit der Auszeichnung 2024 — und besonders nach den ausführlichen Solo-Notizen zu Akropolis — werden in den Nominierungs-Texten Solo-Modi explizit benannt. Für SdJ-Kandidaten mit Stonemaier-typischem Automa ist das eine Aufwertung.
Zweitens: Hybride Apps werden nicht mehr automatisch positiv gewertet. Bis 2022 galt eine begleitende App als modernes Plus. Seit 2024 hat die Jury wiederholt betont, dass das Spiel selbst auf dem Tisch funktionieren muss. Spiele mit App-Pflicht (wie etwa Chronicles of Crime) sind seither aus der Nominierungs-Diskussion verschwunden.
Drittens: Eintauch-Zeit zählt. Die Jury bewertet inzwischen, wie schnell Familien das Spiel ohne Anleitungs-Lektüre verstehen — die Drei-Minuten-Regel, die der Jury-Sprecher Harald Schrapers in der aktuellen Brettspielwelt-Reportage erwähnt hat.
Was die Auflagen-Garantie wirklich bedeutet
Verlage rechnen konservativ: Eine SdJ-Auszeichnung verdreifacht den Print-Run im ersten Halbjahr nach der Bekanntgabe, eine Nominierung allein verdoppelt ihn. Das KSdJ-Siegel verdoppelt, die Nominierung addiert rund 60 %. In Zahlen: Ein typisches Familien-Eurogame mit Erstauflage 8.000 Exemplaren erreicht nach SdJ-Auszeichnung bis zum Jahresende konsistent 35.000 bis 50.000 verkaufte Exemplare. Pegasus, Schmidt, Kosmos und HABA haben in den letzten Jahren ihre Produktion bewusst flexibel gehalten, um SdJ-Nominierte innerhalb von acht Wochen nachdrucken zu können.
Für Verlage mit nur einem Nominierten in der Pipeline ist die Logistik trotzdem ein Risiko — der Holzwürfel-Lieferant in der Tschechischen Republik, mit dem die meisten deutschen Verlage arbeiten, hat in der laufenden Woche bestätigt, dass die Vorprodukte für die Sommer-Nachdrucke bereits angelegt sind.
Die Termine
Nominierungen werden am Dienstag, den 14. Juli 2026, um 10:30 Uhr in Berlin bekannt gegeben. Die Bekanntgabe wird live aus dem Deutschen Spielearchiv in Nürnberg gestreamt — Link folgt in unserer Runde № 24 in der zweiten Juli-Woche. Die Preisverleihung selbst findet am Sonntag, den 17. August 2026, in Berlin statt; der Auszeichnungs-Schwerpunkt erfolgt traditionell vor 200 geladenen Gästen aus Handel, Presse und Designer-Community.
Wir tippen für diese Runde: Vinhos Lite gewinnt SdJ, Andromeda’s Edge gewinnt KSdJ. Aber zuverlässig sind Jury-Vorhersagen nicht — letztes Jahr hat das Forum-Konsens-Modell in 6 von 9 Fällen falsch gelegen. Wir kommen in unserer nächsten Runde mit dem Tippspiel zurück.
Was passiert mit den nicht-nominierten Favoriten?
Diese Woche im Brettspielwelt-Forum gut zu beobachten: ein Phänomen, das Verlage Trostnominierungs-Effekt nennen. Spiele, die vor der Bekanntgabe als Favoriten gehandelt werden und dann nicht nominiert werden, verzeichnen in den vier Wochen nach der Jury-Mitteilung einen messbaren Verkaufs-Anstieg von 20 bis 35 %. Spielende kaufen die Spiele dann trotzdem, oft mit Verweis auf die Foren-Begeisterung. Im Jahr 2024 betraf das Akropolis (das stattdessen Kennerspiel des Jahres wurde — die Jury hatte es eine Kategorie höher eingeordnet als das Forum erwartet hatte) und Sky Team (das die SdJ-Auszeichnung gewann, nachdem das Forum es als Außenseiter gehandelt hatte).
Das bedeutet für die aktuelle Runde: Wer in dieser Woche eine Liste der Vorhersagen liest und ein Spiel findet, das die Forum-Stimmung trägt, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es entweder nominiert wird oder nach der nicht-Nominierung erst recht in die Sammlungen wandert. Beide Varianten sind für die Verlage profitabel.
Eine Anmerkung zur Jury-Zusammensetzung
Die SdJ-Jury besteht 2026 aus zehn Mitgliedern, alle mit klar dokumentierten Brettspiel-Vorlieben. Der Jury-Sprecher Harald Schrapers ist seit 2017 im Amt, die jüngste Jurorin Nele Kunst seit 2024. Was im aktuellen Foren-Konsens unterschätzt wird: die individuellen Designprofile der Jury-Mitglieder. Schrapers neigt zu Familienspielen mit historischer Tiefe, Kunst zu Spielen mit klaren Sekundär-Karten-Mechaniken. Wer die Jury-Entscheidungen vorhersagen will, muss diese Profile lesen — die Forum-Vorhersagen ignorieren sie üblicherweise.