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← Magazin 09. Mai 2026
Solo · 11 min

Solo-Spiele 2026 — was die Pandemie der Szene dauerhaft eingebaut hat

Vor 2020 spielten 8 % aller BGG-Nutzer:innen oft solo. Heute sind es 31 %. Was sich in der Disziplin seither verändert hat.

Solo-Spiele 2026 — was die Pandemie der Szene dauerhaft eingebaut hat
Solo 09.05.2026

Solo-Brettspielen war vor 2020 eine Randerscheinung. In der jährlichen Boardgamegeek-Umfrage gaben 8 % aller aktiven BGG-Nutzer:innen an, „regelmäßig oder oft solo zu spielen”. Sechs Jahre später, in der Erhebung vom April 2026, sind es 31 %. Die BGG Solo Guild, gegründet 2007 als kleines Subforum, wuchs zwischen 2020 und 2024 von 30.000 auf 180.000 Mitglieder — und stagniert seither auf hohem Niveau. In dieser Runde № 20 schauen wir auf das, was die Pandemie der Szene dauerhaft eingebaut hat.

Drei kategorische Veränderungen

Wer die Solo-Disziplin vor 2020 mit der von heute vergleicht, sieht drei tektonische Verschiebungen.

Erstens: Automa-Systeme sind Branchen-Standard. Vor 2020 gab es im Wesentlichen drei Automa-Schulen: die Stonemaier-Schule (gestapelte Karten mit If-Then-Logik, eingeführt mit Scythe 2016), die Renegade-Schule (dünne Regelhefte mit deterministischen Mini-AIs) und die Garphill-Schule (Würfel-getriebene Entscheidungs-Tabellen für die Raven-Reihe). Heute ist Stonemaiers Automated Adversary-Format der De-facto-Standard. Wer ab 2024 ein Eurogame in der Heavy-Klasse veröffentlicht, ohne ein Automa-Deck beizulegen, wird auf BGG in den ersten Reviews dafür kritisiert. Die Stonemaier-Formel — gestapelte Karten, drei Schwierigkeitsstufen, klar getrennte Aktions- und Endwertungs-Logik — hat sich durchgesetzt, weil sie für Verlage produktionstechnisch günstig ist (eine zusätzliche Kartenreihe, keine zweite Box-Komponente) und für Spielende lernbar in zwei Partien.

Zweitens: Solo-only Designs sind eine gleichwertige Disziplin geworden. Vor 2020 galten Spiele, die nur solo funktionieren, als Nische. Friday (Friedemann Friese, 2011), Onirim (Shadi Torbey, 2010) und die Hostage Negotiator-Reihe (A.J. Porfirio, ab 2015) waren die wenigen wichtigen Vertreter. Seit 2021 sind Solo-only-Designs Top-Sellers: Final Girl (Van Ryder Games, A.J. Porfirio, 1 Spieler, 20–60 min, BGG-Weight 2,4) verkaufte in seiner ersten Saison über 70.000 Exemplare. Die Hostage Negotiator-Reihe wurde 2024 mit Career fortgesetzt, die Serie verkauft sich konstant. Solo-only ist keine Nische mehr — es ist eine eigene Sub-Disziplin mit eigenen Designern, eigenen Verlagen und eigenen Awards (der Solo-Mode Award der BGG-Solo-Guild, jährlich seit 2021).

Drittens: Solo-Modi gehören ab 2022 zu praktisch jedem Heavy. Das ist die nachhaltigste Veränderung. Vital Lacerdas Weather Machine (2023, 1–4 Spieler) erschien mit einem Automa-Deck, das gleichberechtigt im Regelheft steht. Stefan Felds Bonfire (2020) und alle Maracaibo-Editionen seit 2020 haben Solo-Modi, die nicht als nachträgliche Ergänzung wirken. Bei Eagle-Gryphon Games, Capstone Games, Stonemaier und Plaid Hat ist „Solo-Modus enthalten” inzwischen ein Standard-Bullet auf der Box-Rückseite — und das Fehlen eines Solo-Modus ist begründungspflichtig geworden.

Konkrete Spiele in 2026

In der aktuellen Runde diskutiert die Solo-Guild drei Spiele besonders intensiv:

Earth (Inside Up Games, Designer: Maxime Tardif, 1–5 Spieler, 45–90 min, BGG-Weight 2,8). Erschienen 2023, mit einer überarbeiteten Solo-Variante in der 2025er-Erweiterung Abundance. Der Solo-Modus arbeitet mit einer Karten-Stapel-Logik, die jeder Runde drei Pflanzen-Karten zuteilt — die Spielenden müssen ihren Engine-Aufbau so timen, dass sie vor dem KI-Spieler die Wertungsziele erreichen. Beliebt, weil der Spannungsbogen über alle 16 Runden hält.

Wingspan (Stonemaier Games, Designer: Elizabeth Hargrave, 1–5 Spieler, 40–70 min, BGG-Weight 2,4). Der Automa-Modus von Wingspan ist der archetypische Stonemaier-Automa: gestapelte Karten, klare Aktions-Reihenfolge, drei Schwierigkeitsstufen. Diese Woche in der Solo-Guild oft genannt als Einstiegs-Solo für Spielende, die noch nie ein Automa-Deck bedient haben.

Spirit Island (Greater Than Games, Designer: R. Eric Reuss, 1–4 Spieler, 90–120 min, BGG-Weight 4,1). Der Klassiker des kooperativen Solos. Spirit Island funktioniert solo ohne jeden Automa — du übernimmst zwei oder drei Geister gleichzeitig und spielst gegen die regulären Invader-Karten. Auf der BGG-Solo-Wahl 2025 zum besten Solo-Spiel aller Zeiten gewählt, mit 41 % der Stimmen.

Was die Solo-Guild 2026 als „echtes Solo” akzeptiert

In der aktuellen Forums-Diskussion (Thread „What counts as real solo?”, 1.200 Posts in den letzten vier Wochen) haben sich klare Definitionen herausgebildet.

Akzeptiert als echtes Solo:

  • Automa-Decks mit eigener Entscheidungs-Logik (Stonemaier-Format).
  • Solo-only-Designs mit eingebauter Spannungs-Kurve (Final Girl, Friday).
  • Kooperative Spiele, in denen die Spielende mehrere Rollen gleichzeitig übernimmt (Spirit Island, Pandemic).

Nicht akzeptiert als echtes Solo:

  • Vereinfachte 2-Spieler-Regeln, in denen die Spielende einfach beide Seiten zieht („Beat your own score”).
  • Spiele mit reinen Highscore-Modi ohne KI-Gegner.
  • Hybrid-App-Modi, in denen die App die zweite Hand übernimmt — das gilt seit der App-Diskussion von 2024 als außerhalb der Disziplin.

Die Linie ist klar: Solo-Spielen ist eine eigenständige Spielerfahrung, die nicht durch das simple Halbieren eines Mehrspieler-Spiels entsteht. Diese Linie hat sich in den letzten zwei Jahren in der Community gefestigt.

Drei Einstiegs-Solo-Spiele unter 50 EUR

Wer in dieser Runde mit dem Solo-Spielen beginnen will, ohne sofort 90 EUR in ein Heavy zu investieren, kann sich an drei Spielen orientieren:

Spirit Island (Greater Than Games, deutsche Edition bei Pegasus, 49,95 EUR). Maximaler Re-Play-Wert durch acht Basis-Geister, vier Inseln und Schwierigkeitsstufen 0 bis 6. Lernkurve steil, aber lohnend.

Wingspan (Stonemaier Games, deutsche Edition bei Feuerland, 46,99 EUR). Niedriger Einstieg, klarer Automa, beruhigende Spielerfahrung. Perfekt für die ersten zwanzig Solo-Partien.

Final Girl (Van Ryder Games, deutsche Edition bei Pegasus, 34,95 EUR für die Core-Box; einzelne Filme separat). Die thematischste Wahl. Slasher-Horror-Spielerfahrung, 20–60 min pro Partie, hohe Spannungs-Kurve, hohe Wiederspiel-Rate.

Wo die Disziplin in zwei Jahren steht

Die Solo-Guild-Mitgliedszahlen plateauisieren seit 2024, das stimmt. Aber die Tiefe der Disziplin wächst weiter. Jeder größere Verlag hat inzwischen einen Solo-Spezialisten im Team. Der BGG-Solo-Subreddit-Mod Iris Williams hat in seinem Jahresrückblick 2025 prognostiziert, dass bis 2028 mindestens 50 % aller Heavy-Eurogames mit Solo-Modus als Solo-First entwickelt werden — also so, dass der Mehrspieler-Modus die Anpassung ist, nicht andersherum. Das ist eine starke These. Aber die letzten sechs Jahre haben gezeigt, dass die Verschiebung möglich ist.

Was die deutsche Szene anders macht

In den deutschen Solo-Communities — Brettspielwelt-Solo, der Pegasus-Solo-Discord mit aktuell 4.200 Mitgliedern, der Frosted-Games-Solo-Slack — sind drei Eigenheiten gegenüber der englischsprachigen Solo-Guild beobachtbar.

Erstens: Heavy-Solo wird hier proportional häufiger gespielt. Während in der internationalen Solo-Guild die Light- und Mid-Weight-Spiele (BGG-Weight unter 3,0) etwa 60 % der wöchentlichen Spielberichte ausmachen, sind es in den deutschen Communities nur rund 40 %. Spielende hierzulande greifen häufiger zu Lacerda, Feld und Rosenberg. Eine Erklärung — der Pegasus-Solo-Discord-Admin Henrik Lasse hat sie in der laufenden Runde formuliert: „Wer Heavy-Eurogames besitzt, will sie auch dann spielen, wenn niemand sonst zu Hause ist.”

Zweitens: Solo-Sitzungen werden hier länger. Die Durchschnittsdauer einer gemeldeten Solo-Partie in der internationalen Guild liegt bei 47 Minuten. In der deutschen Statistik bei 78 Minuten. Wir spielen länger, wir spielen tiefer, wir spielen seltener — aber dann ausgiebig.

Drittens: Solo-Rezensionen sind hier ausführlicher. Die durchschnittliche deutsche Solo-Rezension auf Brettspielwelt hat 1.100 Wörter. Die durchschnittliche englischsprachige BGG-Solo-Rezension hat 380. Diese Wortzahl-Differenz ist nicht zufällig — sie spiegelt eine Tradition des deutschen Spiele-Journalismus, die auf das Spielbox-Magazin der 1980er-Jahre zurückgeht.

In unserer nächsten Runde gehen wir tiefer in einen einzelnen Solo-Modus: das Automa-Deck von Viticulture Essential Edition — der Prototyp, an dem sich die ganze Stonemaier-Schule kalibriert.


Ressort: Solo